Von Rolf Hill

Von Rolf Hill

Es war schon eine große Freude für den 1908 in Luxdorf, dem heutigen Stadtteil Lukášov, geborenen Franz Rieger, als er nach der samtenen Revolution endlich wieder seine Heimatstadt Gablonz an der Neiße, nun Jablonec nad Nisou, besuchen konnte.

Trotz seines Alters nutzte er diese Möglichkeit nun regelmäßig mehrmals im Jahr. Bis 1945 hatte er in einem der hiesigen Firmen als Technischer Zeichner und Betriebsleiter gearbeitet, bis auch er ein Jahr später dem „Odsum Nemcu“, der Vertreibung der Deutschen, zum Opfer fiel. Er lies sich im baden-württembergischen Esslingen nieder, baute sich eine neue Existenz auf und aus dem Heimatvertriebenen wurde ein rastloser Heimatforscher, der im Laufe der Jahre einige Bücher veröffentlichte und als Initiator zahlreicher Ausstellungen bekannt wurde. Seine zahlreichen ausgedehnten Spaziergänge durch die Stadt seiner Kindheit und Jugend führten Rieger auch in das am Rande gelegene Rýnovice (Reinowitz).

Was lag hier nicht alles im Argen. Besonders schlimm stand es um das Haus Nummer 24 – ein einstmals stolzes Umgebinde aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Damit gehörte es zu den ältesten Gebäuden der Neißestadt überhaupt. Sollte das nun wie schon so vieles andere zuvor einfach den Bach hinunter gehen? Das konnte und wollte er nicht zulassen. Er ging zur Stadtverwaltung mit dem Ansinnen, das Haus zu kaufen.

Das erlaube die Gesetzgebung natürlich nicht, erhielt er zur Antwort. Außerdem sei das Grundstück schon seit langem zum Treffpunkt zwielichtiger Jugendlicher geworden. Deshalb werde man es demnächst wohl devastieren müssen. Einziger Ausweg wäre wohl der Erwerb durch eine Stiftung, doch auch hier machte man ihm nur schwache Hoffnung. So leicht aber gab sich Franz Rieger nicht geschlagen. Er brauchte drei Männer, die bereit waren, seinen Antrag zumindest durch ihre Unterschrift zu unterstützen. Und er fand sie; einen in der Kneipe, einen auf dem Friedhof, und einer war ein ihm schon länger bekannter Deutsch-Böhme.

Die Stiftung war geboren, Franz Rieger hatte das Haus, dafür aber ein großes Loch auf seinem Konto. Eine Tatsache, die vier Söhne mit Recht um ihr Erbteil fürchten lies. Nun begannen die fachgerechten Bauarbeiten. Als Riegers Vermögen aufgebraucht war, sammelte er Gelder unter den ehemaligen Landsleuten. Rund drei Millionen Kronen von Privatpersonen und öffentlichen Institutionen der Bundesrepublik kamen zusammen.

Nach rund acht Jahren wurde das wie Phönix aus der Asche auferstandene Schmuckstück 1998 schließlich der inzwischen gegründeten gemeinnützigen Gesellschaft zur Nutzung als „Haus des Tschechisch-Deutschen Verständnisses“ (Dům česko-německého porozumění). Da die Bauarbeiten erst nach einem weiteren Jahr abgeschlossen wurden, kann die Bürgervereinigung „Verständnis“ also heute auf eine zehnjährige Tätigkeit zurück blicken. „Franz Rieger kam zwar zu Lebzeiten weiterhin mindestens drei- bis viermal im Jahr hierher“, berichtet die Journalistin Petra Laurinová, „aber natürlich mußte sich hier vor Ort ständig um die Geschäfte kümmern.“ Dazu hatten sich ihre Eltern bereit erklärt. Als es dann aber soweit war, fühlten sie sich mit ihren 70 Jahren schon zu alt. So übernahm sie selbst mit Ehemann Jiří diese Aufgabe.

Inzwischen kümmert sich auch ihr Sohn Jan tatkräftig um alle organisatorischen Dinge. Auf dem Programm stehen vor allem deutsch-tschechische Begegnungen, Seminare, Kultur- und Weiterbildungsaktionen, vier bis fünf Ausstellungen jährlich und ein Kurs zum Erlernen der deutschen Sprache. „Natürlich ist das alles neben der regulären Arbeit eine hohe Belastung“, räumt Petra Laurinová ein. „Aber trotzdem würden wir uns freuen, wenn unsere Angebote noch stärker genutzt würden.“

Das hat auch einen Materiellen bzw. finanziellen Hintergrund. Leider ist nämlich in den vergangenen zehn Jahren auch der „Zahn der Zeit“ nicht untätig geblieben. So machen sich inzwischen an dem unter Denkmalschutz stehenden Haus bereits einige dringende Arbeiten notwendig. Doch das Geld für eine umfassende Sanierung reicht gegenwärtig nicht.

Schreibe einen Kommentar