goethegasse-7-gesamt-web

Gablonzer Exporthäuser

Geschichte der Gablonzer Exportgeschäfte

Seit der Wiederbesiedelung nach den Hussitenkriegen war Gablonz eher ein Tuchmacher- und Weberdorf gewesen. Um 1825 waren hier bereits viele Glasbijouterie-Erzeuger tätig, aber  nur  sieben Gürtler nachweisbar, die vermutlich unverändert über  Jahre hinweg  bis zur Jahrhundertmitte in immer gleicher Form einige wenige Artikel wie Fingerringe, Hemdenknöpfe oder Pfeifenbeschläge erzeugt haben.  (Lilie 183)

Für den Reichtum der Stadt Gablonz war die Herstellung von Glas- und Bijouterie-Erzeugnissen die wichtigste Grundlage. Während die Glasindustrie durch die vorhandenen Rohstoffe  und den Holzreichtum erklärbar war, fand der Chronist Adolf Lilie in seiner „Heimatkunde“ schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts keine Erklärung mehr dafür, warum sich ausgerechnet im Bezirk Gablonz die Gürtlerei  so erfolgreich entwickelt hatte.    (Lilie182)

Als hier 1884 eine Gürtlergenossenschaft gegründet wurde, traten ihr mit 256 Meistern insgesamt 561 Beschäftigte bei. 1900 waren es schon 583 Meister und mit ihnen 1881 Beschäftigte und 1930 sogar 928 Meister und 4379 Beschäftigte.  (Zenkner 129)
Beide Industriezweige, Glas- und Metall-Bijouterie, basierten auf Heimarbeit.  Ein direkter Export durch die Hersteller war vorerst noch nicht denkbar, weil den Handwerkern jegliche kaufmännische Bildung fehlte, ja manche weder Lesen noch Schreiben konnten.  Lilie 191- 193)

Der Großhandel und Vertrieb von Gablonzer Waren erfolgte zunächst von Liebenau / Hodkovice aus, auch durch Wanderhändler oder Wandermusikanten, „durch fremde Leute, meist Tschechen“, die auf ihr Warenangebot durch Leierkastenmusik aufmerksam machten.  Neben den Gablonzer Waren wurden gleichzeitig auch Seifen, Leinwand, Speck und andere Lebensmittel angeboten.  (Lilie 201)

Lilie bezeichnete Franz Josef Schwan als den „Stammvater der Gablonzer Glasexporteure“. Er soll bereits 1761 ein Versandgeschäft in Gablonz gegründet haben. In welchem Umfang diese Geschäfte geführt worden sind, lässt sich kaum noch rekonstruieren. Ein Detail scheint jedenfalls bemerkens-wert:  im Geschäftsjahr 1782 soll er 41 Geschäftsbriefe geschrieben haben.
In den folgenden Jahrzehnten sind in Bezug auf den überregionalen Glashandel bis 1800 die Namen Christian Weiss, Franz und Josef Dressler, Anton Unger und Joachim Fischer, später noch Josef Pfeiffer, Johann  Seidemann und Heinrich Göble überliefert.  Verträge wurden damals meist mit Handschlag besiegelt. Aus dem Jahr 1829 sind bereits drei Exportgeschäfte überliefert:  neben  Göble und K. J.  Zenkner  vor allem Josef Pfeiffer & Co.

Josef Pfeiffer wurde als Sohn eines Glashändlers gleichen Namens 1808 geboren, im Jahr der Markterhebung von Gablonz also, zu dessen Bürgermeister er 1850 gewählt werden sollte. Seine erste Amtsperiode krönte 1866 die Ernennung zur Stadt und damit verbunden seine Wahl zum ersten Bürgermeister der jungen Stadt Gablonz an der Neisse.
Der Chronist Lilie betont ausdrücklich, dass Pfeiffer sein Bürgermeistergehalt nie bezog, sondern diese Summe „immer für wohltätige und gemeinnützige Zwecke zur Verfügung stellte“. (Lilie 362)

Eduard Dressler gründete sein Exportgeschäft  im Jahr der Stadterhebung . Es war zugleich das Jahr der Schlacht bei Königgrätz / Hradec Kralové im Preussisch-Österreichischen Krieg, durch den die rasante industrielle und wirtschaftliche Entwicklung erst einmal unterbrochen  wurde. Trotzdem gründete Dressler bereits 1869 eine erste Filiale in Berlin.
Zwei Jahre später,  1871 veranstaltete der „Gablonzer Industrielle Bildungsverein“  eine eigene Industrieausstellung in Gablonz.   (Lilie 200)  Auch auf der Wiener Weltausstellung von 1873 waren die Gablonzer  als „Collectiv-Ausstellung“  vertreten, ebenso  bei weiteren Ausstellungen in Paris 1878, in Philadelphia, Antwerpen, Sidney und Chicago.

Bargeld war damals nicht unbedingt selbstverständlich, bis 1876 wurden die Lieferanten oft mit den eingehandelten Waren bezahlt.  (Lilie 201)  Bezirkshauptmann Wrazda von Kunwald beendete diese Unzulänglichkeiten durch die Verfügung, dass alle bis zu einem Mittwoch eingelieferten Waren bis zum darauffolgenden Freitag durch die Exporteure bar bezahlt werden müssten.   (Zenkner 136)
Erst der Exporthandel mit seinen vielfältigen persönlichen Verbindungen konnte der Gablonzer Industrie den Weltmarkt erschließen.   (Lilie 197)  Nach wenigen  Jahrzehnten  waren in fast allen Ortschaften des Bezirkes Exporteure ansässig, in Gablonz 31, in Morchenstern 27, in Wiesenthal 22 und in Albrechtsdort 16 usw. Um 1895 gab es im Gablonzer Bezirk bereits 150 Exportfirmen, die sich meist auf bestimmte Branchen spezialisiert hatten: Für Kristallerie war die Firma Eduard Dressler (1860 gegründet), für Knöpfe die Firma Gebrüder Mahla (1876 gegründet), für Glas-Bijouterie die Firma W. Klaar (1866 gegründet, diese in enger Verbindung mit Richard Haasis) und für Perlen die Firma J.H. Jeiteles Sohn (1866 gegründet)  führend. Diese zu ihrer Zeit führenden Unternehmen besaßen laut Lilie „in Gablonz weitläufige, im modernsten Stil erbaute, in viele Geschäftsräume eingeteilte  Geschäftshäuser.“   (Lilie 208)

Zwischen diesen Exporteuren bestanden freundschaftliche, teilweise sogar familiäre Verbindungen: Haasis war aus Berlin als Buchhalter zu Dressler gekommen und wurde später Teilhaber bei  Klaar. Beide hatten zuvor als Buchhalter bei einer Berliner Firma, bei G. Reidt gearbeitet.
Im Dienste  jedes dieser großen Exporthäuser standen  jeweils an die 100 Mitarbeiter, darunter Prokuristen, Korrespondenten (für französischen, italienischen, englischen, spanischen und weitere Briefwechsel), Kassierer, Buchhalter (auch Comtoiristen genannt), Praktikanten, Verpacker, Versender (auch Expedienten genannt), sowie vielfältiges Hilfspersonal. Besonders hervorgehoben wurden die Arbeitskräfte, die für „Anpreisen und für geschmackvolle Anordnung auf den Musterkarten“ verantwortlich waren.   (Lilie 197)

„Wir haben es also bei manchen der Gablonzer Exporthäuser mit Großhandels- und Großversand-Geschäften zu tun, darin liegt ihre große Bedeutung im Außenhandel“.  (Lilie 199) Außerdem wurden Agenturen in vielen europäischen  Städten von London bis Rom, von Amsterdam bis Moskau, aber auch in Hongkong, New York oder Rio de Janeiro betrieben. Der Ausfuhrwert wurde um 1900 auf 20-30 Millionen Gulden geschätzt. Zeitweise entsprach das Steueraufkommen der Stadt Gablonz dem ganzer Kronländer der Donaumonarchie, so zum Beispiel dem von Dalmatien oder der Bukowina.
Das Gablonzer  Adressbuch von 1911 nennt 184 Exporteure; kurz vor dem Ersten Weltkrieg waren hier bereits an die 250 Exporteure tätig. Nicht zufällig wurde damals der größte Dampfer der k. u. k. Monarchie auf den Namen „Gablonz“ getauft (ein großes Modell befindet sich noch heute im Wiener Technischen Museum).
Nach dem Ersten Weltkrieg waren die guten Zeiten vorbei. Trotzdem sind 1926 nicht weniger als 421 Exporteure vermerkt, natürlich mit sehr unterschiedlichen Kapazitäten. Bedingt durch die Weltwirtschaftskrise von 1929 verringerte sich die Anzahl der  Exporthäuser vorerst, manche Firmen exportierten damals selber und lehnten aus Kostengründen Geschäfte mit den traditionellen  Exporthäusern ab. Nur so ist die beachtliche Zahl von 367 Exporteuren im Jahr 1939 zu erklären. Die vormals jüdischen Geschäfte standen nunmehr unter „kommissarischer Leitung“, waren also den rechtmäßigen Eigentümern weggenommen worden.

Organisation und Geschäftsmethoden

Die Gürtler arbeiteten auf eigenes Risiko, wenn sie Muster für Schmuckstücke herstellten und diese den Exporteuren „zur Ansicht“ vorlegten. Sie waren die Grundlage für eine eventuelle Auftragsvergabe, wobei allerdings auch sofortige Nachahmungen zu befürchten waren.  Umgekehrt betrieb man eine vermutlich recht intensive Betriebsspionage, wie die Forderung ahnen lässt, dass „… mehr junge Leute ins Ausland und besonders nach Paris gehen sollten, um ihren Geschmack zu läutern …“  (Lilie 192, 193)
Manche der Gablonzer Exporteure oder deren Söhne bereisten in ihrer Eigenschaft als „Chef“ persönlich ganz Europa, Afrika, Asien und viele Inselgruppen dieser Erdteile.  (Lilie 199)

„Reisen bildet“ lautet ein bekannter Spruch – in diesem Fall dürfte die Bildung der Gablonzer Bürgerschaft um die vorige Jahrhundertwende  auch auf den verstärkten Schulhausbau und auf die prachtvolle Architektur der Stadt Einfluss gehabt haben.
Auf solche Geschäftsreisen wurden  auch Waren anderer nicht in Gablonz ansässiger Firmen mitgenommen, so beispielsweise  aus Haida, Steinschönau oder aus der ganzen österreichischen Donaumonarchie.

Bis in die 1870er Jahre arbeiteten die Exporthäuser mit sogenannten „Bestellzetteln“, auf denen Lieferzeit, Verpackung und Zahlungsbedingungen vermerkt waren. Zeitweise versuchten einige Exporteure die Heimindustrie durch fabrikmäßig betriebene Gürtlerwerkstätten zu ersetzen, die aber wegen der zunehmend schneller wechselnden Modeströmungen und den damit verbundenen relativ  kleinen Stückzahlen  nicht rentabel sein konnten.  (Lilie 193)   Aus diesem Grund wurden keine nennenswerten Warenlager in Gablonz angelegt, Handwerker wie Handel arbeitete „auf Bestellung“.

Als Mittelpersonen zwischen den Gürtlern und den Exporteuren traten die „Lieferanten“ auf, die einerseits die finanziellen Erwartungen der Hersteller so zu drücken wussten, dass  die Entgelte unter den Vorstellungen der Exporteure blieben; der Preisunterschied war dann der Verdienst des Lieferanten. „Drückt der Wettbewerb den Preis, dann muss der Exporteur den Lieferanten und dieser wieder die Arbeiter drücken. Vielleicht geschieht dies auf Kosten des Wohlstandes des Einen oder Anderen, vielleicht auf Kosten der Güte des Erzeugnisses …“  (Lilie 198)   Als „Zahltag“ war von den meisten der Exporthäuser der Freitag festgelegt, am Samstag zahlten dann die Lieferanten ihre Arbeiter bzw. die Heimarbeiter aus.   (Lilie 200)

Bei sinkender Nachfrage kam es zu Lohnschwankungen, unter denen natürlich die Arbeiter und Heimarbeiter als schwächstes Glied in der Kette besonders zu leiden hatten. Für die Ursachen solcher Schwankungen hatten die Arbeiter, die nur in seltenen Fällen über  finanzielle Rücklagen verfügten, natürlich kaum Verständnis. So kam es „… unter der Arbeiterschaft des Bezirkes zur Bildung von Fachvereinen, welche zumeist den socialdemokratischen Ideen huldigen …“   (Lilie 213) Besonders das Kronland Böhmen galt als „Wiege der Sozialdemokratie“, eine Tatsache, die nach 1945 gerne vergessen wurde.

Erzeugnisse und Wertschätzung der Gablonzer Ware

Der Ort Kukan war bereits  um 1790 Sitz eines bedeutenden Hohlglashandels; allerdings reichte es, wenn damals  die Waren im zweiwöchigen Rhythmus von einem der Glaswarenerzeuger zu Fuß (!) nach Prag gebracht wurden.  Erst die  Perlenindustrie und die Knopferzeugung begründeten den weltweiten Ruf der Stadt Gablonz als Handelsmetropole, die Kunden wie den Türkischen Großsultan oder die Russische Zarin beliefern durfte.  (Lilie 204)

Der Siegeszug der Gablonzer Ware ließ aber vorerst  noch auf sich warten: „Künstler und Kunstfreunde sprechen der hiesigen Industrie jeden ästhetischen Wert ab …“   Wegen der Verwendung von „unechten“ Materialien wurden  die Erzeugnisse der  Gablonzer Schmuckindustrie lange Zeit verachtet und als „nur für Dienstmädchen geeignet“ angesehen, solange bis Damen der Gesellschaft ihren echten Schmuck in Gablonz kopieren ließen und bei öffentlichen Anlässen aus Sicherheitsgründen eben diese Kopien trugen.  Nicht nur das: „Unsere Industrie … liefert den geschmacklosen Schmuck für halbcultivierte Völker als Stapelartikel ebenso wie sie die feineren Formen von altschwedischen oder holländischem Nationalschmuck in befriedigender Weise nachahmt … Sie liefert heute [1893] die modernen Artikel für den gesamten europäischen Markt, desgleichen für Indien und Amerika“. (Lilie 191)

Für den europäischen Markt galten während der Gründerzeit andere Maßstäbe; man versuchte mit billigen Materialien möglichst dekorative Ergebnisse zu erzielen, egal ob es sich um alltägliche Gebrauchsartikel, um  Schmuck, „Theaterschmuck“ oder um wertvoll wirkende Luxusartikel wie Luster handelte.  Seit der Jahrhundertmitte waren Lampenperlen, Druckperlen und Sprengperlen (=Schmelz) begehrte Artikel geworden.  (Lilie 165) Später kam der gläserne Christbaumschmuck dazu.

Die Zeit nach 1945

Im Mai 1945 war der Zweite Weltkrieg zu Ende, Deutschland musste kapitulieren.  (Rössler 45) Am 15. Mai erschien das „Gablonzer Tagblatt“ zum letzten Mal. Bereits am 8. Mai war die offizielle Übernahme durch die tschechischen Autoritäten erfolgt, damit verbunden Vertreibung und die Enteignungen des deutschen Eigentums. Allerdings konnten fachliche Qualifikation und die reiche Berufserfahrung im Gegensatz zu den materiellen Werten nicht weggenommen werden. Nach den ersten „wilden“ Vertreibungen durften die hochqualifizierten deutschen Facharbeiter das Land nicht mehr verlassen, auch wenn sie in der Zwischenzeit wegen andauernder Diskriminierung durchaus dazu bereit gewesen wären.

Die kommunistischen Machtübernahme in der Tschechoslowakei ließ nach 1948 das „Wirtschaftswunderland Westdeutschland“ als  zunehmend attraktiv erscheinen –  auch für manche Tschechen, die sich jetzt auf ihre deutschen Vorfahren besannen und auswandern wollten.  Unter diesen Umständen konnte die weitgehend enteignete exportorientierte Gablonzer Industrie  nicht mehr zu ihren alten Erfolgen zurückkehren. Die über lange Jahre aufgebauten, persönlichen Kontakte zu ausländischen Geschäftsfreunden verödeten oder wurden vor allem nach Kaufbeuren-Neugablonz übertragen. Dort stieg die Bevölkerungsanzahl von 17 Personen im Jahre 1946 auf 13 000 innerhalb eines Jahrzehntes.  Daneben entstanden auch im Fichtelgebirge, Trappenkamp, Schwäbisch Gmünd, Karlsruhe und auch im österreichischen Enns nennenswerte Ansiedlungen der Gablonzer Industriezweige. (Siebeneichler 286)

Die nach sozialistischen Idealen organisierten Großfirmen Jablonex und Preciosa boten vorwiegend nur noch Massenfabrikation an und reagierten nicht schnell genug auf aktuelle Modetrends. Als größter dieser Betriebe musste die Firma Jablonex aus verschiedenen Gründen vor wenigen Jahren schließen. Aber auch in Kaufbeuren-Neugablonz ist die Ära der Exportwirtschaft in der Nachfolge der alten Gablonzer  Industrie zu Ende gegangen – den konkurrenzlos niedrigen Stundenlöhnen in Fernost und dem veränderten Zeitgeschmack ist diese Tradition zum Opfer gefallen.
Dieter  Klein

Literatur:
Lilie, Adolf: Der politische Bezirk Gablonz  (Gablonz 1895)
Stütz, Gerhard und Zenkner, Karl:  Gablonz an der Neisse (Herausgegeben von den Leutelt-Gesellschaft, Schwäbisch Gmünd 1982); dort Seite 133 ff, Zenkner: Das Gablonzer Exportgeschäft
und Seite 286, Siebeneichler, Max: Der Wiederaufbau der Gablonzer Industrie

Gablonzer Exporthäuser

 

 

Vernissage am 24. Oktober 2013 um 17 Uhr im Haus der Deutsch-Tschechischnen Verständigung in Jablonec nad Nisou / Rýnovice

Schreibe einen Kommentar